Seelenfrieden als Metapher für ersehntes Glück, 11. September 2008
Von C.Borries
Ahmet Hamdi Tanpinar Seelenfrieden Unionsverlag
ISBN 3293100139
In dem Buch des bereits 1901 geborenen Schriftstellers Hamdi Tanpinar kann man die politische und geistige Entwicklungsgeschichte der Türkei vom Untergang des osmanischen Reichs bis zum Beginn es zweiten Weltkriegs finden. Um die Figur des Helden Mümtaz erfährt die Geistesgeschichte Istanbuls Belebung, mit der man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Verbindung zwischen Orient und Okzident suchte.
Man begleitet den Helden durch seine Zeit. Der Untergang des osmanischen Reichs ist zum Ende des ersten Weltkriegs hin besiegelt, und einschneidende gesellschaftliche und soziale Umwälzungen durch den Staatsführer Atatürk stehen an. Mümtaz erlebt den gewaltsamen Tod seines Vaters mit, die Vertreibung aus seiner Geburtsstadt und kurz darauf den Tod der Mutter, die nach schwerer Krankheit stirbt. Im Alter von 11 Jahren ist er zum Waisenkind geworden. Nach glücklichen Jahren im Hause seines Vetters Ihsan in Istanbul beginnt er ein Leben als Literaturdozent.
Hoch sensibel und von tiefen Gedanken an sein Leben erfüllt wandert er geradezu traumwandlerisch durch die Gassen und Basare Istanbuls. Er ist 26 Jahre alt und seine Beobachtungen, Gedanken und Gefühle wecken wehmütige Erinnerungen an sein junges Leben.
Da gab es Nuran, seine große Liebe, und es gab die Trennung von ihr! Man ahnt, dass tragische Ereignisse die Liebe zerstörten. . Cit < So trug dieser ganz in seiner Traumwelt lebende junge Mann zugleich Himmel und Hölle mit sich herum >. Suat, ein Freund der beiden, fungierte als böses Omen, das als störendes Element ihr Glück bedrohte.
Auf seinen Wegen schaut Mümtaz bei Buchhändlern vorbei, liest in den Büchern bekannter Dichter der europäischen Geistesgeschichte und verweilt bei jenen aus der Türkei. In ihm scheinen sich die Geisteswelten zweier gegensätzlicher Kulturen zu berühren.
Tanpinar schreibt einen träumerischen, assoziativen Stil, der zuweilen an Prousts < Suche nach der verlorenen Zeit > erinnert.
Die Liebesgeschichte zwischen Mümtza und seiner geliebten Nuran bietet Gelegenheit, tief in die türkische Lebensweise einzutauchen. Der Umgang zwischen den beiden Liebenden und Gespräche zwischen Freunden und Verwandten zeigen westlich aufgeklärte und orientalisch beeinflusste Lebens- und Denkmuster. Reflexionen über Literatur, Musik, Dichtung und Kunst insgesamt bestimmen auf weite Strecken den Inhalt der Erzählung. Familienbande bieten den anregenden Stoff für den Fortgang der Handlung, in der nicht zuletzt der Wertekanon der Gesellschaft berührt wird. Hoch intellektuelle Gespräche führen zu Fragen des Seins und des vollkommenen Glücks als Utopie, die niemals Wirklichkeit werden kann.
Tanpinar hegte enge Verbindung zu seiner osmanischen Vergangenheit. Mit der Gründung der Republik 1923 durch Kemal Atatürk wurde in rigoroser Weise mit alten Gesellschaftsstrukturen aufgeräumt. Der Dichter wurde ein Wanderer zwischen den Welten: einerseits hat er Europa bereist und die Kultur jener Länder geschätzt, daneben aber die türkische Kultur hoch gehalten. Alle Tendenzen seiner eigenen Entwicklung kommen in seinem vorliegenden Roman, der 1949 erstmals erschienen ist, zum Tragen.
In einem ausgezeichneten Nachwort von Wolfgang Günter Lerch kann man über den Autor und seine Bedeutung für die türkische Literaturgeschichte viele hervorragende Hinweise finden.
Ein Hauch von Ephraim Kishon weht über dieses Buch, 20. Dezember 2008
Von Der Buch-Vorleser "André Hanke" (Sachsen)
Diese Rezension stammt von: Das Uhrenstellinstitut (Gebundene Ausgabe)
Fast 50 Jahre hat es gedauert, bis der Roman des türkischen Autors Ahmet Hamdi Tanpinar "Das Uhrenstellinstitut" nun beim Münchener Hanser Verlag in deutscher Übersetzung erschienen ist. Und das Warten hat sich gelohnt! Man ist irgendwie an Ephraim Kishons frühere Werke erinnert, wenn man sich auf Tanpinars wundervolle Satire einläßt und das Schmunzeln im Gesicht des Lesers wird breiter und breiter, je tiefer er in diese Geschichte einer völlig überflüssigen Behörde eintaucht. Das nämlich ist Tanpinars Thema, die Sinnlosigkeit und Eigenschaftslosigkeit mancher Institution und manches Zeitgenossen, die doch Macht auszuüben in der Lage sind. Weltverbesserer sind es und Rabauken und zwielichtige Gestalten, die sich in dem Roman die Klinke in die Hand geben und gut von der Sinnentleertheit eines Institutes zum richtigen Stellen von Uhren leben. Ein Schelm, der hier modernere Vergleiche anzustellen gedenkt. Toll!
Über die Vergänglichkeit der Zeit..., 30. Oktober 2008
Von Roland Freisitzer "freisitzer" (Vienna, Austria)
Diese Rezension stammt von: Das Uhrenstellinstitut (Gebundene Ausgabe)
Ahmet Madi Tanpinar ist für mich persönlich die Entdeckung dieses Jahres (neben Jean-Marie Gustave LeClézio).
"Das Uhrenstellinstitut" ist ein großartiger Roman mit einem ganz ungewöhnlichen Helden.
Ist Hayri Irdal ein Mann ohne Eigenschaften?
Oder ist er ein osmanischer Zeno Cosini?
Vielleicht gar ein türkischer Oblomov?
Arbeitslos, verwitwet und in Kaffeehäusern versumpernd, lernt er den Lebemann und Lebenskünstler Halit kennen, der ihm rasch die Gründung eines Uhrenstellinstituts anbietet, ein Institut, das eigentlich niemand braucht, obwohl es niemand umgehen kann. So wird aus Hayri Irdal ein wichtiger Mann, er wird Inhalt von Zeitungsberichten, Interviews, Tratsch und Neid.
Ein Buch über die Vergänglichkeit der Zeit, über ihren Wert, ein wunderbares Gesellschaftsbild und ein herrlicher Schelmenroman mit Figuren, die so sympathisch sind, dass sie sicherlich noch lange ihren Unfug in meinem Gedächtnis treiben werden...
Großartig! Absolute Leseempfehlung.
Überbordende Phantasie, 30. September 2008
Von Wortwerkstatt (Würzburg)
Diese Rezension stammt von: Das Uhrenstellinstitut (Gebundene Ausgabe)
Die Türkei ist Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Durch die bücherherbstlichen Bemühungen verschiedener Verlage werden hoffentlich auch bei uns türkische Autoren/Innen bekannter als bisher. So auch der Autor Tanpinar, dessen Buch Das Uhrenstellinstitut" im Türkischen bereits 1962 erschienen ist. Dieser Autor dürfte den meisten unbekannt sein, er fand bisher nur im Buch Istanbul" des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk als einsamer Stadtspaziergänger Erwähnung.
Am Beispiel des Uhrenstellinstituts, welches in der ganzen Türkei die Genauigkeit der Uhren prüft, wird sinnbildlich der Aufbruch und die Modernisierung der Türkei gezeigt.
Hayri Irdal, der begriffsstutzige und sympathische Ich-Erzähler, beschreibt hier rückblickend die Stationen seines Lebens. Von einer abgebrochenen Uhrmacherlehre über eine Beamtenstelle, Arbeitslosigkeit, unglückliche Ehen, die Bohemekreise in den Istanbuler Kaffeehäusern bis hin zum wahnwitzigen Unternehmen eines Hunderte von Angestellten zählenden Uhrenstellinstituts in Istanbul. So finden sich hier jede Menge skurriler Figuren, Abenteurer, Spinner, Psychoanalytiker und nicht zu vergessen der Lebenskünstler Halit Ayarcy, dem es dank seiner politischen Beziehungen gelingt, die Finanzierung und Realisierung des Uhrenstellinstituts genehmigt zu bekommen. Falschgehende Uhren werden mit Bußgeld
bestraft, aber auch Rabatte sind möglich. Irgendwie fühlte ich mich beim Lesen dieses Buches immer wieder an Pessoas Buch der Unruhe oder an Gontscharows Oblomow erinnert. Das Uhrenstellinstitut ist eine intelligente und unterhaltsame Satire, die durch Tanpinars stilistische Eleganz und überschäumende Phantasie gekonnt die Geschehnisse um wichtigtuerische Bürokratie und den natürlichen Drang des Menschen zur Faulheit aufzeigt.
Phantastisch, 14. September 2008
Von """""""""...
Diese Rezension stammt von: Das Uhrenstellinstitut (Gebundene Ausgabe)
Der Roman des 1909 geborenen Schriftstellers knüpft nach dem zweiten Weltkrieg weitgehend an sein erstes Buch das die Zeit davor beschreibt an.
Am Beispiel des neu gegründeten Uhreneinstellinstitut das in der ganzen Türkei die korrektheit der Uhren prüft wird sinnbildlich der enorme Aufbau des meist unproduktiven Beamtenapperates der Nachkriegstürkei gedacht.Aufgebaut von einem Lebenskünstler und einem süffisanten Protagonisten der keinerlei Talente aufweist wird das System fast bis zum Überwachungstaat ausgebaut.
Nun mag man kaffkareske Züge vermuten,diese tauchen aber nicht auf,sondern das ganze Buch ist eingetaucht in einen Zeitgemäßen Humor der die Klugheit des mittlerweile verstorbenen Autors zum Vorschein bringt.
Satirischer Roman. Erschienen ist der Roman bereits 1962. Falschgehende Uhren werden mit Bußgeld belegt,Rabatte sind möglich, Bedenken sind beim gutlaufenden Uhreninstitut verboten da das Institut immer wachsen muß da sonst alle Mitarbeiter arbeitslos werden und ihren Lebenstandard verlieren.
Nicht neu,wahrscheinlich auch nicht das beste Buch der Türkei,aber interessant und kurzweilig.